Seit unserer Abeise von Hongkong sind bereits wieder zwei Monate vergangen und wir sind schon nicht mehr in China, sondern bereits in Vietnam – allerdings ohne Velos. Nach einer grossen Runde durch die Provinzen Guangzhou, Guangxi und Guizhou checkten wir diese nämlich auf einem grossen Containerschiff ein und hoffen nun, dass sie wohlbehalten in Basel ankommen. Und auch unser Reiseende naht. Wir fliegen nämlich wegen einem kleinen Menschlein in Vali’s Bauch etwas früher als erwartet von Saigon aus am 9. Januar 2010 nach Hause…:-) Das Baby sollte im Juni auf die Welt kommen und ist damit rund einen Drittel unserer ganzen Velostrecke von insgesamt 6’000 Kilometern mitgefahren!

Die Strecke in China führte uns von Hongkong durch das sehr stark besiedelte Pearl River Delta nach Wuzhou, Yangshuo und Guilin (das sind die zwei Top-Touri-Destinationen für die Chinesen selber!), weiter nach Longsheng, Sanjiang bis nach Kaili in der Provinz Guizhou und von da aus südwärts nach Nanning und schliesslich Beihai am südchinesischen Meer, wo wir die Velos einschifften.
Ganz entgegen unserer Befürchtungen, dass wir mit den voll bepackten Velos Probleme bei der Einreise in China haben werden, verlief die Ankunft in Mainland China (Zhongshan, 2 h Fähre von Hongkong) reibungslos und wir wurden samt Velos wie alle anderen Passagiere einfach durchgewunken! Verdutzt standen wir plötzlich auf chinesischem Boden und wussten gar nicht so recht wie weiter.

Und da kam auch schon die nächste Überraschung: Eine freundliche Chinesin sprach uns auf Englisch an und beriet uns ca. eine Stunde lang in ihrem Büro und versorgte uns mit frisch ausgedrucktem Kartenmaterial samt den verflixten chinesischen Zeichen. Genial! Damit wir den Strassenschildern einigermassen bequem folgen konnten, galt es ab nun jeweils am Morgen das Zeichen der nächsten Ortschaft einzuprägen, was schon etwas Übung erforderte (siehe Tabelle). Mit der Zeit begannen wir aber auch, Zeichen und Zeichenstämme wiederzuerkennen.
Und am gleichen Tag folgte noch eine dritte positive Überraschung: da die erste Strecke unserer Route durch das sehr stark besiedelte Pearl River Delta führte, war an Zelten nicht zu denken. Wir checkten also für wenig Geld in ein Top-Hotel ein und konnten sogar unsere Velos mit aufs Zimmer nehmen. Das war ab sofort unser neuer Standard. Auch in weniger besiedelten Gebieten gab es nämlich fast keinen Platz zum Zelten, weil entweder ein Feld, eine Strasse, ein Gebäude oder ein Berg im Weg stand. Wir fanden das aber nicht allzu tragisch, da die Hotels erschwinglich sind und zudem meist spitzenmässig ausgestattet (z.B. standardmässig mit Wasserkocher und oft mit Internetzugang). Somit fanden wir immer – wenn auch nicht immer auf Anhieb – ein mehr oder weniger nettes Plätzchen für die Nacht.

Wie checkt man in ein chinesisches Hotel ein? 1. Man sucht das Hotel mit der prunkvollsten Lobby in der Stadt, weil der Lobbystandard meist zwei Klassen über dem tatsächlichen Zimmerstandard liegt. 2. Man stellt sich darauf ein, dass die Rezeption kein Wort Englisch kann und man sich mit Zeichen und Zeichnungen verständlich machen muss. 3. Man versucht, den Zimmerpreis herauszufinden, der meist nur etwa 1/3 soviel ist wie auf der grossen Tafel in der Lobby angeschrieben. Unsere Limite war 300 Yuan (entspricht etwa CHF 40), die wir allerdings mit Ausnahme der zwei Nächte im internationalen 5-Sterne Hotel nie erreichten (meist bezahlten wir etwas zwischen 100 und 200 Yuan). 4. Man stellt sicher, dass die Velos im Zimmer übernachten dürfen und dass dafür genügend Platz vorhanden ist; 5. man prüft, ob das Bad schön ist (d.h. WC und Dusche sind mindestens mit einem Duschvorhang getrennt). That’s it! Noch im edelsten Hotel, wie hier im Garden Hotel in Duyun durften die Velos bei uns übernachten…:o)
Unser erstes velofreies Wochenende verbrachten wir in der Stadt Wuzhou. Hier besuchten wir unter anderem die Drachenmutter, eine riesige goldene Statue und beobachteten ein älteres Ehepaar, welches auf der Dachterrasse allmorgendlich Taichi-Übungen ausführte.


Durch den Dschungel und über hohe Berge reisten wir in Richtung Yangshuo. Vor Erreichen des Städtchens hielten wir kurz an und fotografierten per Zufall den „Moonhill“, der hier als eine Topattraktion gilt, wie wir später herausfanden.
Die ersten westlichen Touris seit Hongkong entdeckten wir kurze Zeit später, was irgendwie seltsam war und uns teurere Preise erahnen liess. Der Verdacht bestätigte sich dann beim Bezahlen des Mittagessens, welches wir nach einem Kettenwechsel einnahmen und welches ungefähr doppelt so teuer war wie bisher.


In Yangshuo – welches wegen seiner wundervoll mysthischen Limestone-Landschaft unter den Chinesen zusammen mit Guilin als Traumferiendestination gilt – genossen wir die Tourinfrastruktur, wunderten uns über die Abzocke und fanden heraus, weshalb viele Chinesen bis ins hohe Alter fit sind. Die Spielplätze sind mit Fitnessgeräten ausgestattet, welche von Jung und Alt und Dani reichlich genutzt werden.


Nach einer Nacht fuhren wir mit dem Bus nach Guilin und liessen unsere Velos im Hotel in Yangshuo zurück. Der Plan war, tags darauf mit dem Schiff retour nach Yangshuo zu fahren. Auf der gemütlichen Flussfahrt durch die karstige Felslandschaft lernten wir Joe und Annette aus München kennen und verbrachten einige gemütliche und entspannte Stunden mit ihnen auf dem Deck umgeben von fantastischen Bergen.

Zurück in Yangshuo verbrachten wir noch einige Tage im Yangshuo Culture House bei Mister Wei und seiner Familie, wo wir Einblick in das Leben der Chinesen bekamen. Jeden Abend gab es ein riesiges Znacht-Buffet, welches auf dem grossen runden Drehtisch serviert wurde und von bis zu 13 Personen gleichzeitig eingenommen wurde!
Mit dem Velo unterwegs sein ist in China nie langweilig, weil man jederzeit Erstaunliches beobachten kann. In der Nähe von Guilin zum Beispiel sahen wir einen Mann, der Eisenstangen mit seinem Dreirad-Töff-Gefährt transportierte. Die Stangen waren so lang, dass zwei zusätzliche Räder am Ende befestigt werden mussten. Ansonsten hätte es wohl auf dem Asphalt gefunkt…

Mehrmals sind wir minutenlang an Strassen entlang gefahren, wo Früchtestand um Früchtestand im Abstand von einem Meter aufgebaut war. Die meisten Händler und Händlerinnen hatten hinter dem Stand auch gleich ihr (Himmel-)Bett inklusive Moskitonetz aufgebaut. Danis Theorie dazu ist, dass sie wahrscheinlich tagelang ausharren müssen und von ihren Familien erst wieder abgeholt werden, wenn alle Früchte verkauft sind und sich bis dahin natürlich auch noch von diesen ernähren müssen…;o) Ein andermal überholten uns mehrere Lastwagen, jeder mit locker 20 Autos bepackt…

Insgesamt fühlten wir uns aber auf den Strassen relativ sicher, da die Bus- und Lastwagenfahrer die langsameren und schwer bepackten Zwei- und Dreiräder gewohnt sind und mit entsprechend grossem Abstand überholen. Auf die Hupe wird dann aber doch noch gedrückt, und dies meist ziemlich laut, so dass man fast vom Velo fällt :o) Zudem haben die Chinesen – Erwachsene wie Kinder – eine Riesenfreude, wen sie uns ein lautes „Helau“ entgegenschmettern können.


Von Longshen aus gingen wir die berühmten Reisterrassen Namens „Dragon’s Backbone“ anschauen. Obschon grösstenteils geerntet, waren wir beeindruckt von der Grösse und Schönheit der steil angelegten Felder.


Ungefährt 60 km weiter liegt Sanjiang, wo wir einen Ausflug zur berühmten Wind-und-Regen-Brücke in Chengjiang machten, Dani sich im Blasen von traditionellen Holzinstrumenten versuchte und wir unsere wohl besten Auberginen und Curry-Kartoffeln ever assen.
Auf unserem Weg nach Kaili in der Provinz Guizhou kamen wir an vielen kleinen Dörfern vorbei, die nicht von Han-Chinesen, sondern von ethnischen Minderheiten wie den Dong, den Miao und den Yao bewohnt waren. Die meisten Dorfbewohner tragen noch ihre traditionellen Kleider, z.B. selber mit Indigo-Paste gefärbte blaue Gewänder (Dong). Je nach Schnitt, Stickmuster und Farbe drücken diese Kleider aus, zu welcher Gruppe der Träger, die Trägerin gehört. Die Provinzen Guangxi und Guizhou sind berühmt für ihren grossen Bevölkerungsanteil an Minderheiten.
Auf unserem Weg durch das chinesische Hinterland ist uns immer wieder aufgefallen, wie stark die Menschen hier in die Natur eingreifen, teilweise mit schlimmen Folgen. Neben der Terrassierung ganzer Berge für den Reisanbau, werden, wo der Berg zu steil zum terrassieren ist, die Wälder abgeholzt, was zu starken Erosionsschäden und Bergrutschen führt. Teilweise werden dann diese abgeholzten Wälder wieder aufgeforstet, allerdings in Monokultur mit schnell wachsenden Bäumen, damit schon nach kurzer Zeit wieder neues Holz zur Verfügung steht. Auch die Flüsse werden extrem genutzt.
Alle paar Kilometer kommt ein neuer Stausee und Industrieabwässer werden direkt in die Flüsse geleitet. Wir waren froh, wenn immer genug Abstand zwischen uns und dem gräuslichen Wasser war. Wird eine neue Strasse gebaut und es steht ein Berg im Weg, kann man davon ausgehen, dass nicht ein Tunnel gebaut wird, sondern gleich die ganze Bergflanke oder die Bergspitze abrasiert wird. Wiederholte Erosionsschäden sind die logische Folge. Ebenso kann der Bau von Täler überspannenden Autobahnen ziemlich beeindruckend sein. Was man davon halten soll, ist jedem selber überlassen.
Nach knapp vier Wochen in durchwegs kleineren bis sehr kleinen Städtchen kamen wir endlich in der Grossstadt Nanning an, dem Hauptort der Provinz Guangxi. Nach einigen Tagen Regenwetter und Matschstrassen, benötigten unsere Velos dringend eine Reinigungsaktion. Dank der riesigen Duschkabine in unserem Hotelzimmer war das aber kein Problem – das war wahrscheinlich das erste und letzte Mal in unserem Leben, dass wir Velos in einem Hotelbadezimmer wuschen!
Bevor wir uns auf den Weg nach Beihai an der Küste machten, nutzen wir ausgiebig die vorhandenen Möglichkeiten für westliches Essen (chinesisches Essen ist zwar sehr gut, aber nach 2 Monaten täglich Reis hängt einem alles zum Hals heraus…) und den Kinokomplex.. Ausserdem versorgten wir uns mit englischer Literatur und kauften Zutaten für das tägliche Birchermüesli sowie andere feine Sachen im riesigen und dennoch mit Leuten überfüllten Walmart.
In Beihai angekommen, nahmen wir den Rücktransport unserer Velos in die Hand. Mit schwerem Herzen liessen wir unsere treuen Weggefährten bei der Transportfirma zurück und gönnten uns, nachdem die Organisation unser Nervenkostüm doch eher strapazierte - zwei Übernachtungen im 5-Stern Hotel Shangri-La mit einem Wahnsinns Frühstücksbuffet (Vali war im 7. Himmel) und mit Blick aufs Meer. Die Ebbe wurde jeweils von zahlreichen Krabbensuchern genutzt, welche den ganzen Strand umgruben. Wir zählten einmal über 50 Trichterhüte aufs Mal – und das auf einem Strandabschnitt von ca. 100 m!
Nach dem angenehmen 5-Sterne-Aufenthalt und einem Besuch in der Beihaier Unterwasserwelt ging’s zügig zurück nach Nanning und von da am nächsten Tag mit dem Zug nach Pingxiang und weiter mit einem überdachten und ziemlich rassigen Dreirad-Töff an die vietnamesische Grenze. Weil man sich China halt so vorstellt, erwarteten wir wieder einen langwierigen Prozess auf der chinesischen Seite. Aber nichts da, nach einem Spaziergang über den autofreien Friendship-Pass bekamen wir ohne weiteres den Ausreisestempel und durften weiter spazieren – hinein nach Vietnam. Der Friendship-Pass ist wahrscheinlich die friedlichste Grenze auf der Welt, weil eben alles autofrei ist und alle zu Fuss gehen müssen. Da kommt keine Hektik auf und wenn alle ihre Rollköfferchen ziehen, sieht das auch noch lustig aus!
Auf der vietnamesischen Seite brach dann das Chaos aus: auf viel zu engem Raum mit all dem Gepäck in Hand und auf dem Rücken musste man an verschiedenen Schaltern für die Einreisepapiere anstehen, im Stehen ausfüllen etc. Als wir die zunächst etwas unübersichtlich Situation ein wenig einordnen konnten, war das Ganze dann gar nicht schlimm und dauerte auch weniger lang als man zu Beginn hätte annehmen können.
Tja, und in der Zwischenzeit sind wir bereits nach Hanoi und in den Nordosten von Vietnam gereist und geniessen dieses stark französisch beeinflusste Land, wo das Reisen bedeutend einfacher ist als in China. Dennoch möchten wir die Zeit im Reich der Mitte nicht missen, war es doch lehrreich und spannend zugleich und eine grosse Herausforderung.
HIGHLIGHTS
- Karstfelsenlandschaft auf der Flussfahrt von Guilin nach Yangshuo
- Reisterrassen von Longshen
- Weitere Landschaft (z.B. während Fahrt durch das „Krokodilmaul“ (vor Dunan) oder der Berg mit einem Loch (Moonhill in Yangshuo) oder zwei aneinanderlehnende Berge, die sich zu küssen schienen)
- Etwas von den Traditionen der Minderheiten wie den Dong, Yao oder Miao kennen zu lernen, beispielsweise von ihrer Art sich zu kleiden oder wie sie leben und Landwirtschaft betreiben
- Feuerwerknation China: Zu jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit (und Zeit) werden Knallfrösche gezündet: Hochzeit, Beerdigung, Geburt, Ladeneröffnung, Dorffest oder einfach so…
LOWLIGHTS
- Eingepackte Tiere (Enten in Plastikäcken: der Kopf schaut raus, die Füsse nicht / Hühnern zu tausenden in Plastikschachteln in offenen Lastwagen aufgestapelt – aber keine Sorgen, die Schachteln haben ja Löcher / in Körbe gestopfte Hunde auf Töff – in Nanning z.B. isst man Hund)
- Dreck, Staub, Abgase und Abfall (letzteres ist überall anzutreffen, wird aber zum Glück meist entsorgt – aber wie bei uns vor 50 Jahren oder wie in der Mongolei durch Anzünden, worüber sich auch die Lungen freuen und der schön in den Augen brennt beim Vorbeifahren mit Velo)
- Raubbau an der Natur
- Hund wird vor unseren Auge überfahren (auch wenn er vermutlich mit einem Schock davongekommen ist)
- Einsamkeit unter vielen (Kameraden finden ist trotz aller Hilfsbereitschaft seitens der Chinesen schwierig)
WUNDERTÜTE
Neu für die Wundertüte erhalten:
- Wasser und ein Sack voller frisch gekochter Eier von zwei netten Polizisten (wir sind zuerst ein bisschen erschrocken, als sie vor uns angehalten haben…)
- Wasser von zwei Lastwagenfahrern, mitverantwortlich für die versandete und deshalb etwas mühsam zu befahrende Strasse kurz vor Beihai
Liebe Grüsse und bis bald!